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15.02.2010 00:17 | Alter: 2 Jahr(e)
[info]Autor: grela

In letzter Sekunde zum Triumph

Nach dem 0:2 in Lissabon gegen Sporting sah es so aus, als ob die internationalen Schuhe für den damaligen österreichischen Cupsieger Rapid offensichtlich doch noch um Nummern zu groß gewesen wären. Denkste! Im Rückspiel, das zum Klassiker avancierte, bewiesen die Hütteldorfer ihre Europa-Klasse.

by Forza Rapid

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DAS DAVOR
Trifon Ivanov brachte es nach dem Hinspiel in Lissabon auf den Punkt: „Zwei Tore – ganz Scheiß'." Ja, Rapid kassierte im Avalade-Stadion zwei dumme Treffer, zeigte zuviel Respekt und wurde um einen Elfmeter betrogen (Foul an Pivarnik in der 66. Minute, Anm.). Der bulgarische Star-Libero war noch bester Akteur in den Reihen des SCR, und das trotz einer Operation am Knie, von der er sich in Rekordzeit erholen konnte. Stöger war grippegeschwächt, Kühbauer außer Form – die Leistungsträger ließen an diesem Abend fast durchgehend aus.
Nach Mitternacht saßen die Rapidler im „Winner's Club" des Village Hotels in Cascais und schmiedeten Pläne für das Rückspiel am 2. November im Ernst-Happel-Stadion, getreu dem Motto: Ein echter Wiener geht nicht unter, schon gar nicht ein echter Hütteldorfer!
„Wir werden den Portugiesen alles mit barer Münze zurückzahlen", sagte Trainer Dokupil, der sich auch über die schmutzige Spielweise des Gegners empörte. Ivanovs Hoffnung: „Auch Sporting ist keine Übermannschaft." Und er bezifferte die Aufstiegs-Möglichkeiten mit 50:50. Peter Stöger sah die Situation trister: „Die Chancen? 20:80." Und Tormann Michael Konsel, bei den Treffern machtlos, zeigte sich als Meister des positiven Denkens: „Für mich ist das Match erst nach 90 oder 120 Minuten oder nach dem Elferschießen zu Ende. Ein volles Stadion würde uns enorm helfen.“
Das Husarenstück der Salzburger zwei Jahre zuvor, als man ebenfalls gegen Sporting ein 0:2 aufholen musste und die Portugiesen tatsächlich noch aus dem Bewerb warf, fungierte als Strohhalm für die Wiener. Trainer Dokupil köderte gar mit Erinnerungen an das vielleicht größte Europacup-Wunder der SCR-Vereinsgeschichte: „Rapid hat nach einem 0:3 in Dresden in Wien mit 5:0 gewonnen, das sollte auch meiner Mannschaft Auftrieb geben."
Eine Moralinjektion erspielten sich die Grünweißen knapp vor dem Rückspiel mit einem 2:1-Sieg in Innsbruck, womit der Rekordmeister nach 14 Runden überlegener Tabellenführer war. Zudem sorgte die Präsentation von Rapid-Bier und speziellem Rapid-Wein im Vorfeld des Rückspiels für Rauschzustände, die sich trotz des Alkoholverbots im Stadion fortsetzen sollten.

DAS SPIEL
Dabei waren die Voraussetzungen für die Aufholjagd extrem schlecht. Michi Hatz und Stefan Marasek, beide Teil des Stammpersonals, waren nach der zweiten gelben Karte gesperrt – das Spiel in Lissabon hatte also doppelt Spuren hinterlassen.
Andere Probleme waren hausgemacht. Maciej Sliwowski erhielt vor dem EC-Match gegen Sporting Heimaturlaub von Rapid. Im Sommer war der polnische Legionär in der Vorbereitung mit 16 Treffern noch bester Torschütze des SCR gewesen und rechnete mit einem Stammplatz. Während der Saison entpuppte sich der Offensiv-Spieler aber nur als fünftes Rad am Hütteldorfer Wagen. Für Unruhe war gesorgt.
Am Matchtag selbst machte dann der bärtige Bulgare als „Traummännlein“ von sich reden. Trifon Ivanov kam in Zivil, als die Kollegen nach elf Uhr schon schwitzend in die Kabine gingen. Der Bulgare hatte das Training schlicht und einfach verschlafen, wurde um 10:15 von Masseur Wolfgang Frey telefonisch geweckt. Der Schmäh lief in der Mannschaft, Trainer Dokupil wollte diese Entgleisung aber nicht unter den Teppich kehren: „Was sich Trifon geleistet hat, ist gegenüber der Mannschaft, dem Verein, dem Publikum und mir eine Schweinerei. Die Konsequenzen werden wir intern besprechen. Ob er heute spielt, muss ich mir noch überlegen", polterte der Pünklichkeitsfanatiker. Dokupil tat gut daran, das „Enfant terrible" doch aufzustellen.
Dem Triumph ging aber eine wilde Predigt „Doks“ voraus. Wenige Stunden vor dem Anpfiff im Happel-Stadion gab es noch einen Anpfiff des Trainers. „Das war die härteste Aussprache, die ich bisher mit den Spielern hatte", sagte Dokupil. Er kritisierte die mangelnde Trainingseinstellung. „Diese ließ nicht auf eine gute Wettkampfleistung schließen." Ein Donnerwetter zur rechten Zeit! Denn kurz darauf schrieb Rapid wieder einmal Europacupgeschichte.
Die Kulisse war enttäuschend und faszinierend zugleich. Im nur halbvollen Prater-Oval fabrizierte der Rapid-Support eine Gänsehaut-Stimmung, trieb die Mannschaft mit unglaublicher Kraft nach vorne. Nach etwa 20 Minuten bekamen die Hütteldorfer das Spiel immer mehr in den Griff. Und dann kam der große Auftritt des unermüdlichen Antreibers Didi. Schöttel eröffnete den Angriff, spielte auf Heraf, der wiederum Stumpf auf der rechten Flanke entdeckte; der „Büffel“ behauptete den Ball und gab das Leder zurück zu Jovanovic, der direkt auf Heraf spielte, der wiederum mit einem herrlichen Fersentrick auf Stöger weiterleitete; das technisch versierte Laufwunder spielte den öffnenden Pass auf Stumpf, der gefährlich in die Mitte flankte – ein Portugiese konnte nur unzureichend klären und der heranbrausende Kühbauer wuchtete den Ball per Dropkick aus 14 Metern zum 1:0 ins Tor. Der umjubelte Torschütze hatte das passende Rezept schon vor Spielbeginn ausgegeben: „Wir haben mit Stumpf und Jancker zwei gute Kopfballspieler in der Mitte. Wir müssen die Sporting-Nuß eben von den Flanken her knacken, aggressiv und bissig auf den Endzweck aus sein." Rapid spielte jetzt kontrolliert und brachte die gestartete Aufholjagd in die Pause.
Nach Wiederanpfiff war der Elan allerdings verpufft. Die Grünweißen wackelten jetzt bedenklich. Eigentlich wurde nach der 1:0-Führung ein Sturmlauf der Hütteldorfer erwartet, aber die balltechnisch großartigen Portugiesen konnten das Kommando übernehmen. Perfekt in der Raumaufteilung, großartig in der Spielverlagerung, machten sie den Rapidlern das Leben mehr als schwer. Aber die fehlerfreie Abwehr konnte einen Gegentreffer verhindern. Coach Dokupil hatte selbst nach dem 30-Minuten-Durchhänger nach der Pause und Stögers schönem, aber eben nicht erfolgreichen Lattenschuss nicht die Hoffnung verloren. „Ich weiß nicht wieso, aber ich habe noch immer auf ein Tor von Stumpf gewartet." Sekunden vor dem Abpfiff in der 92. Minute überschlugen sich dann die Ereignisse: Zuerst sah Dani wegen Ballwegschlagens die Ampel-Karte. Der Portugiese hatte den Rasen erst Sekunden verlassen, als eine Flanke in den Sporting-Strafraum gesaust kam. Goalie Costinha konnte den Ball nicht unter Kontrolle bringen, ein Schuss von Guggi wurde abgeblockt und schraubte sich zu einer „Kerze“ empor, die der zum Mittelstürmer umfunktionierte Libero Trifon Ivanov unter Kontrolle brachte und per Volley auf den Kopf von Stumpf servierte – 2:0! Die Dämme brachen jetzt komplett, bei den Fans, auf der Rapid-Betreuerbank und in der ORF-Kommentatorenkabine bei Hans Huber. Co-Kommentator Hans Krankl meinte trocken: „Sporting nur mehr mit zehn Mann –  jetzt sind alle Chancen bei Rapid.“
Tatsächlich stand die Tür zum Viertelfinale jetzt meterweit offen, wofür die folgende Nachspielzeit der beste Beleg sein sollte. Der SCR spielte komplett entfesselt, war nicht mehr zu bändigen. Nach exakt 104 Minuten und 34 Sekunden erzielte Stumpf nach herrlicher Kühbauer-Flanke wieder per Kopf das 3:0, und das von der Strafraumgrenze! Damit war der Held des Abends geboren. In der 110. Minute sicherte Rapids zweites Kopfballungeheuer Carsten Jancker den Erfolg endgültig ab. Zuerst holte der 1,93 Meter große Blonde mit einem Schuss aus ca. 18 Metern einen Eckball heraus. Dann versenkte das 21jährige Greenhorn den von Peter Stöger getretenen Präzisions-Corner ebenfalls per Kopf zum 4:0. Dabei musste Klubarzt Lugscheider dem Riesen kurz vorher noch ein Cut nähen. Bei der Torchance vergaß Jancker aber alle Schmerzen und verwertete unter Mithilfe der Querlatten-Unterkante.
Nach 115 Minuten feierten die Fans mit dem Rapid-Lied ihre Lieblinge, die mit der La-Ola-Welle tanzten. Das internationale Image Rapids war wieder aufpoliert. Der Trainer bedankte sich beim Publikum: „Der Funke kam von außen, nur so sind solche Spiele zu erklären." Außerdem meinte der Erfolgs-Coach zu dieser Reifeprüfung: „Das Glück muss man zwingen." Während Rapid-Trainer Dokupil sich wie im siebenten Himmel fühlte, sprach Sportings Coach Carlos Queiroz von Betrug.
Didi Kühbauer zahlte es Queiroz, der danach als Ferguson-Co bei ManU und als Chef bei Real Madrid werkelte und aktuell als portugiesischer Nationalcoach tätig ist, mit Sarkasmus zurück: „Scheinbar hat Sporting immer noch nicht kapiert, dass ein Spiel 90 Minuten und länger dauert. Das Spiel in Lissabon war Katastrophen-Fußball. Als ich aber sagte, dass wir weiterkommen, war das kein Zweckoptimismus, sondern ich habe gewusst, wir werden es schaffen. Ein Lob auch den 25.000 Zuschauern, die wie ein Baum hinter uns gestanden sind. Ich bin stolz, in dieser Mannschaft zu spielen."
Der bärenstarke Kapitän Michael Konsel ergänzte: „Ein unglaubliches Match voller Dramatik und ein irrer Kampfgeist und Biss meiner Freunde. Das ist wieder Rapid. Für mich war es ein herrliches Jubiläumsspiel (30. EC-Spiel für Rapid, Anm.)."
Österreichische Klubs waren zu diesem Zeitpunkt Sportings Schicksal. Zuerst schoss Adi Hütter Salzburg in die Verlängerung und damit indirekt ins Aus, zwei Jahre später wurde er von Christian Stumpf zuerst kopiert, dann übertrumpft. Eine weitere Parallele: Beide Aufholjagden endeten erst in den jeweiligen Europacup-Finali.

DAS DANACH
Es geisterte wieder durch alle Gazetten – das Geheimnis der vielen Tore in der Rapid-Viertelstunde. Das erste Spiel nach dem Triumph gegen Sporting bewies: Die Hütteldorfer sind Finisher. Denn gegen Vorwärts Steyr sicherte Trifon Ivanov in der 91. Minute per Kopf den 4:3-Sieg. Wieder dieser Ivanov, der sich in heiklen Situation selbst zum Offensiv-Freigeist ernannte und damit erfolgreich war!
In der Meisterschaft erzielte die Mannschaft damals in der letzten Viertelstunde neun Treffer und hatte dadurch elf wichtige Punkte mehr am Konto. Mit späten Treffern wurden die Matches gegen Sturm, Innsbruck, die Austria, Salzburg und Steyr zu Late-Win-Spielen. Auch gegen Sporting Lissabon fiel das wichtige Tor zur Verlängerung durch Stumpf in der 92. Minute. Ein Treffer, der viele Millionen Schilling wert war.
Das Geheimnis hinter dieser Serie war allerdings real und nur wenig mythisch – die Rapid-Spieler waren einfach körperlich bestens in Schuss. Die Gründe: Puls- und lactatgesteuertes Training, geregeltes Krafttraining auf den Maschinen in Hans Meyers „Medical-Fitness-Center", Infusionen, die die Regeneration beschleunigten. Zur Ernährung gab es zusätzliche Supplements. „Die Spieler und ihre Frauen gehen immer mehr auf das Ernährungsthema ein", freute sich der damalige Klubarzt Robert Lugscheider.
Und dann waren da natürlich noch jede Menge Winner-Typen, die in typischer Rapid-Manier bis zum allerletzten Moment kämpften.

(grela)

DIE FAKTEN
ACHTELFINALE IM EC DER CUPSIEGER am 02. 11. 1995
SK RAPID WIEN – Sporting Lissabon 4:0 n.V. (1:0, 2:0)

Praterstadion, 25.000, Müller (Schweiz)
Torfolge: 1:0 (25.) Kühbauer, 2:0 (92.) Stumpf, 3:0 (105.) Stumpf, 4:0 (110.) Jancker

SK RAPID WIEN: Konsel – Ivanov – Schöttel, Pivarnik – Heraf (59. Barisic), Jovanovic (65. Haller), Kühbauer, Stöger, Guggi – Stumpf, Jancker
Sporting Lissabon: Costinha – Nelson – Naybet, Marco Aurelio, Vujacic – Dominguez (76. Barbosa), Oceano, Sa Pinto, Pedro Martins, Amunike (66. Dani) – Alvez (86. Xavier)

Gelbe Karten: Jovanovic, Pivarnik, Haller, Barisic bzw. Sa Pinto
Gelb-Rote Karte: Dani (92.)

QUELLE
APA


LEGENDÄRE RAPID-MATCHES


Spiele, in denen der SK Rapid Wien für Furore gesorgt hat, ja vielleicht sogar ein kleines Stück Fußball-Geschichte geschrieben hat, gibt es einige. Beim lustvollen Rückblick auf diese „Klassiker“ geht es uns nicht darum, von A bis Z Originäres zu schaffen, sondern auch das bereits Geschriebene zusammenzufassen und beides zu einem interessanten Eintauchen in die (Match-)Geschichte des SCR verschmelzen zu lassen.
(grela/kebog)

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1 Kommentar(e)

  1. Marco Gulbinski:

    War beim Spiel in Lissabon dabei und bin dann spontan zum Spiel ins Happelstadion gefahren. War für 25000 Leute eine batzen Stimmung. ich kann mich noch errinnern. Da waren kurz vorm 2:0 schon etliche Fans am Weg zur Straßenbahn. Da san sehr viele wieder zurückgekommen.

    Kommentar:

    gebe dir vollkommen recht, marco! wobei 25.000 gerade die schmerzgrenze in diesem stadion ist und es schon rapid-fans braucht, um das halbvolle oval zum kochen zu bringen... ich erinnere mich da auch an die partie gegen girondins bordeaux...
    früher gehen - das tut man mMn einfach nicht... eine unsitte, die abgeschafft gehört! ich bleibe sogar bei einer 0:4-heimniederlage (gegen den gak schon zweieinhalb mal erlebt) bis zur letzten sekunde.
    whatever - jeder, wie er glaubt und will!
    lg gregor.

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4. Austria 36 52:44 54
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