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17.05.2010 19:06 | Alter: 2 Jahr(e)
[info]Autor: grela

Mit der Niederlage gewann das „grüne Ballett“

Im Dezember 1968 sorgte Rapid mit dem Aufstieg gegen Real Madrid für Aufsehen auf der europäischen Meisterbühne. Es war die perfekte Revanche für das eigene Ausscheiden 1956, als das damalige Nicht-Vorhandensein der Auswärtstor-Regel ein Entscheidungsspiel gegen Di Stefano & Co. zur Folge hatte, das 0:2 verloren ging. Zwölf Jahre später wirkte die angesprochene Regel und der SCR stieg – nach einem 1:0 zuhause – trotz der 1:2-Niederlage im Estadio Bernabeu auf.

by Forza Rapid

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DAS DAVOR
Nachdem Rapid in der Vorsaison den 25. Meistertitel gewonnen hatte, durften die Wiener ihr Können im Europacup der Landesmeister zeigen. Im Jahr davor waren die Grünweißen im Achtelfinale desselben Bewerbs nur knapp an der Eintracht aus Braunschweig gescheitert.
Nach einem Aufstieg gegen Rosenborg Trondheim (3:1-Sieg auswärts, 3:3 zuhause), bei dem sich die Mannschaft erfolgreich gegen vier Gegentreffer von Odd Iversen (Vater von Steffen Iversen) gewehrt hatte, standen die Hütteldorfer wieder im Achtelfinale und trafen auf das königliche Star-Ensemble von Real Madrid. Das Hinspiel vor eigenem Publikum im Praterstadion sollte einen dramatischen Spielverlauf bei miserablem Wetter bieten.

Karl Decker, der den Posten des erkrankten Rapid-Trainers Vytlacil für zwei Monate übernahm, gab die Devise für das Heimspiel gegen Madrid aus: „Kampf, Kampf und wieder Kampf. Bis zum Umfallen. Und angreifen und immer wieder angreifen.“
In der 4. Spielminute hatte Rapid die erste Chance durch einen Flögel-Weitschuss nach Grausam-Vorlage. In der 19. Minute lag den 45.000 Zuschauern dann der „Torschrei auf den Lippen“: Ein knallharter Weitschuss von Toni Fritsch aus ca. 20 Metern traf aber nur die Stange. Dann schoss Bjerregaard aus guter Position über das Tor, und nur vier Minuten nach dem ersten Kontakt mit Reals Torgestänge traf „Poidl“ Grausam aus gut 30 Metern nur die Querlatte. Rapid hatte riesiges Pech, in der ersten Halbzeit nicht in Führung gegangen zu sein.
Nach der Pause kam Günther Kaltenbrunner für Söndergaard auf das Feld, aber es schien vorerst so, als ob Rapid dem hohen Anfangs-Tempo und dem tiefen Boden Tribut zollen müsste. Doch der Eindruck des verebbten Angriffswirbels mündete direkt in einen enthusiastischen Torjubel: Toni Fritsch brachte den dritten Corner in Serie von der linken Seite in den Strafraum, wo Joker Kaltenbrunner per Kopfball auf 1:0 stellte (55.). Zunzunegui hatte auf seinen neuen Gegenspieler vergessen. Real Madrid steigerte sein Tempo trotz des Rückstands nicht, während Rapid weiter spielbestimmend blieb. In der 59. Minute verschoss Rudi Flögel von der Strafraum-Grenze knapp. In der letzten halben Stunde des Spiels hatte Goldtorschütze Kaltenbrunner die beste Torchance – seinen Kopfball konnte Real-Goalie Betancourt diesesmal aber abwehren.

Real-Spezialist und Rapid-Legende Ernst Happel war vom konditionellen Zustand der Rapid-Mannschaft und deren allgemeiner Performance begeistert. „Schade, daß es nicht zwei oder drei Tore geworden sind“, meinte der Dreifach-Torschütze von 1956 nach dem legendären Kick. Geld verdiente bei diesem Spiel übrigens nicht nur Rapid, sondern auch GAK-Trainer Fritz Kominek, der in seinem Espresso auf Rapid gewettet und 200 Schilling gewonnen hatte. „Rapid hat im Europacup in Wien noch immer gewonnen, für mich war das ein klarer Fall“, sagte der Coach der Rotjacken ganz cool.
Rapids erfolgreicher Feldherr Karl Decker hatte seiner Mannschaft in der Pause gesagt, dass sie das Glück zwingen müsse. Die Einwechslung Kaltenbrunners war eine geplante Aktion. „Es wäre doch schade gewesen, einen Stürmer wie Kaltenbrunner zusehen zu lassen.“ Der Matchwinner war „überglücklich“, und Rudi Flögel meinte: „Ein Sieg über Real – das geht in die Fußballgeschichte ein.“ Walter Gebhardt verriet die Erfolgsformel des SCR: „Wir haben ein neues System angewandt: einer für alle, alle für einen.“ Und während sich die Musketiere von Rapid gute Chancen für das Rückspiel ausrechneten, blieben die Gäste ganz relaxed.

Nach dem Spiel war Gäste-Trainer Miguel Munoz von Rapids Abseits-Fallen beeindruckt. Die schweren Platzverhältnisse wollte er nicht als Ausrede für die überraschende Niederlage gelten lassen. Sein Starensemble erkannte die drohende Gefahr des Ausscheidens offensichtlich nicht, denn die Millionarios waren nach dem Spiel gelassen, zufrieden und freundlich. Real-Star Amancio, der in Wien wegen einer Verletzung fehlte, meinte: „Wir steigen auf. Zwei Tore schieße ich, das dritte ein anderer.“ Trotz aller Selbstsicherheit fehlte es den Angestellten des Weißen Balletts nicht an Respekt für Rapids Galavorstellung. Torhüter Betancort meinte: „Rapid stürmt wie unsere Spitzenteams in Spanien. Alle sind beweglich und unheimlich gefährlich, viel schneller als die Australier, mit denen ich sie bisher immer verwechselt hatte.“ Auch Stopper de Felipe sprach von einer „Klassemannschaft“, aber alle Akteure der Madrilenen waren sich sicher, dass es für den Aufstieg ins Viertelfinale locker reichen würde.

DAS SPIEL
In der Saison 1956/57 hätte Rapid den Königlichen bereits fast ein Bein gestellt. Nach einem 2:4 im Bernabeu und einem 3:1-Sieg im Rückspiel musste wegen der noch nicht angewandten Auswärtstor-Regel ein Entscheidungsspiel her, das Rapid in Madrid (der SCR verkaufte das Platzrecht) mit 0:2 verlor. Im Dezember 1968 kam diese Regelung aber bereits zum Einsatz, weswegen ein Auswärtstor Rapids im Fall der Fälle doppeltes Gewicht haben würde.
Francisco „Paco“ Gento war 1956 schon dabei und konnte auch im Rückspiel zwölf Jahre später wieder eingesetzt werden, nachdem er in Wien noch gefehlt hatte. Zittern mussten die Madrilenen um den Einsatz von Star-Kicker Amancio. „El Brujo“, der Hexer, war aufgrund seiner atemberaubenden Dribblings gefürchtet und gilt bis heute als der vielleicht technisch begabteste spanische Fußballspieler aller Zeiten.
Ferenc Puskas, der mit Ungarns Nationalteam oft gegen Österreich mit Karl Decker spielte, verriet dem Rapid-Interimstrainer, dass momentan nur Amancio Weltklasse sei und Rapid Glück hätte, auf eine so schlechte Mannschaft zu treffen.
Decker ließ sich von solchen Bewertungen aber nicht aus der Ruhe bringen, beschäftigte sich lieber mit seiner eigenen Mannschaft. „Half“ (entspricht in etwa der heutigen Position des „Sechsers“) Walter Skocik musste wegen einer Verletzung am Oberschenkel passen. Seine Position sollte Torjäger Jörn „Johnny“ Bjerregaard einnehmen, Günther Kaltenbrunner rutschte dafür in die Startaufstellung. Decker: „Bjerregaards Zurückziehung paßt ausgezeichnet in mein Spielkonzept. Er hat genügend Kraft, um aus der eigenen Hälfte immer wieder in den Angriff vorzustoßen. Ich habe praktisch jetzt sechs echte Stürmer in der Mannschaft stehen!“ Dass Rapid ein Tor erzielen wollte, war schon vor dem Spiel ein offenes Geheimnis. Den Spielern hatte es im Vorfeld der entscheidenden Partie ein Ergebnis besonders angetan – eine 1:2-Niederlage, die den Aufstieg und eine Prämie von 20.000 Schilling für jeden Spieler bedeuten würde...

Dann das Spiel. Reals Zittern um Stürmer-Star Amancio hatte sich ausgezahlt – der damals 29jährige Ausnahmekönner konnte auflaufen.
Rapid spielte gegen die Königlichen, denen man das Mittelfeld fast wehrlos überließ, ein Wahnsinns-Match. Glück hatte man lediglich in der 5. Minute, als Velazquez nur die Querlatte traf. Bis zur Pause hatten die gut konternden Hütteldorfer drei reelle Torchancen herausgespielt, ebenso wie Real, das aber mit einer 1:0-Führung in die Kabine ging. In der 41. Minute wurde José Luis an der seitlichen Strafraumgrenze gefoult. Amancio schnappte sich das Leder und brachte den Freistoß halbhoch zur Mitte, wo Velazquez stand und verspätet zum 1:0 für Real einköpfte. Das Ergebnis aus dem Hinspiel war jetzt egalisiert.
Nach dem Wiederanpfiff warteten die fanatischen 80.000 Fans, denen 200 Rapid-Anhänger gegenüberstanden, auf einen Sturmlauf ihrer Mannschaft. Doch es kam anders: Bjerregaard überlief in der 50. Minute nach einem Zuckerpass von Flögel fast die gesamte Verteidigung der Spanier, und während Torhüter Antonio Betancort eine Flanke des Dänen erwartete, schoss der Goalgetter aus spitzem Winkel unter die Latte – 1:1! Real brauchte nach dem wichtigsten Tor in Bjerregaards Karriere jetzt schon zwei Treffer, um Rapid noch aus dem Bewerb zu kicken. Und diese Belastung merkte man dem Favoriten auch an. Zwar kam es jetzt zu einer Angriffswelle von Gento & Co., aber mehr als ein Offside-Goal Amancios war vorerst gegen die „Teufelskerle“ Rapids nicht drinnen. Real hatte urplötzlich Respekt vor dem Gegner und ließ die nötige Präzision vermissen, mit der man die grüne Mauer vielleicht doch noch überwinden hätte können. Reals Leitwolf Amancio wurde von Kapitän Glechner und Ullmann gemeinsam kaltgestellt, zumindest konnte er seine gewohnten Akzente nicht setzen. Real war ratlos, sah „sich einem sehr beweglichen Gegner gegenüber, der in einer Sternstunde des österreichischen Fußballs über sich hinauswuchs.“ Und weder das Pfeifkonzert des enttäuschten Heim-Publikums, noch die überharte Note, welche die verzweifelten Spanier ins Spiel brachten, konnte Rapids Konzentration beeinträchtigen.
In der 82. Minute konnte Pirri – mit Velazquez der wahrscheinlich beste Mann am Platz – zwar noch eine Flanke zur 2:1-Führung einköpfeln, aber danach passierte nichts mehr, das den Aufstieg Rapids ernsthaft hätte gefährden können. Und so wurde das „Fußballwunder“ Realität! Das kluge Konzept des SCR und der großartige Kampfgeist hatten den Ausschlag zu Gunsten des Underdogs gegeben. Drei Saisonen zuvor hatte Real Madrid noch zum sechsten Mal den EC der Landesmeister gewonnen, jetzt war Österreichs Rekordmeister der sensationelle Stolperstein!

Auf dem Rasen spielten sich unglaubliche Szenen ab, denn die Rapid-Akteure waren wie losgelöst. Walter Skocik, der von der Ersatzbank aus die Daumen drücken musste, war fassungslos: „Nein, so etwas, daß es das gibt! Wir Armutschkerln aus Wien werfen die berühmte Real-Elf aus dem Europacup!“ Ferenc Puskas attestierte Rapid, die modernste Wiener Mannschaft zu sein, die er je gesehen hätte. Die Spanier waren da weniger sportlich. Die Küche im Hotel hatte bereits geschlossen, und so mussten die Riesentöter aus Hütteldorf in ein Schweizer Lokal ausweichen, um den Triumph gebührend zu feiern.
Am Tag danach schrieb La Marca: „Der schmerzlichste Sieg, den Spaniens Fußball jemals erlitten hat!“ Das „Sensationsspiel von Madrid“ brachte Rapid und dem österreichischen Fußball aber nicht nur enormes Renommee, sondern auch ein weiteres Großkaliber als Gegner: In der nächsten Runde, dem Viertelfinale, wartete jetzt nämlich Manchester United auf das „grüne Ballett“.

DAS DANACH
Titelverteidiger Manchester gewann den Europacup der Landesmeister in der vorhergehenden Spielzeit im Wembley-Stadion mit einem 4:1 n.V. gegen Eusébios Benfica Lissabon und holte diesen Bewerb erstmals nach England. Die Mannschaft war gespickt mit Stars, von denen Bobby Charlton, George Best und Nobby Stiles herausragten.
Am 26. Februar 1969 gewannen die ManU-Stars gegen Rapid in Old Trafford klar mit 3:0, Matchwinner war Georgie Best mit einem Doppelpack. Das Rückspiel eine Woche später im Praterstadion verfolgten zwar beachtliche 52.000 Rapid-Anhänger, ein 0:0 war aber bei aller Begeisterung das Höchste der Gefühle. Rapids Europacup-Traum war – nachdem er länger als erwartet geträumt wurde – beendet. Und auch in der Meisterschaft konnte der regierende Meister nicht mehr überzeugen – von den 14 Liga-Spielen des Frühjahrs gewannen die Rapidler nur fünf, verloren sechs und mussten sich dreimal mit einem Unentschieden begnügen. Am Ende langte es nur zu Rang drei in der Liga. Schadlos hielten sich die Europacup-Helden mit dem 7. Cupsieg – am 3. Juni 1969 gewannen die Hütteldorfer gegen den Sportclub dank zweier Bjerregaard-Tore mit 2:1. Ein Zeitpunkt, zu dem Real Madrid bereits zum 14. Mal spanischer Meister war, und das mit neun Punkten Vorsprung! Gegen Rapid hatte man in dieser Saison das Nachsehen, mit einem Auswärtstor Rückstand...

(grela)


DIE FAKTEN
ACHTELFINALE IM EC DER MEISTER am 04.12.1968
Real Madrid – SK RAPID WIEN 2:1 (1:0); Hinspiel 0:1

Estadio Bernabeu, 80.000, Droz (Schweiz)
Torfolge: 1:0 (41.) Velazquez, 1:1 (50.) Bjerregaard, 2:1 (82.) Pirri

Real Madrid: Betancort – Calpe, de Felipe, Zunzunegui, Sanchis – Pirri, Velazquez – Jose Luis, Amancio, Grosso, Gento (Bueno)
SK RAPID WIEN (3-2-5): Fuchsbichler – Gebhardt, Glechner, Fak – Bjerregaard, Ullmann – Fritsch, Kaltenbrunner, Grausam, Flögel, Söndergaard

QUELLEN
Rapidarchiv, Kurier, Rapid-Chronik


LEGENDÄRE RAPID-MATCHES


Spiele, in denen der SK Rapid Wien für Furore gesorgt hat, ja vielleicht sogar ein kleines Stück Fußball-Geschichte geschrieben hat, gibt es einige. Beim lustvollen Rückblick auf diese „Klassiker“ geht es uns nicht darum, von A bis Z Originäres zu schaffen, sondern auch das bereits Geschriebene zusammenzufassen und beides zu einem interessanten Eintauchen in die (Match-)Geschichte des SCR verschmelzen zu lassen.
(grela/kebog)

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