Rapid-Homepage Rapid-Archiv kicker 11FREUNDE ballesterer transfermarkt Stadionwelt 90minuten.at
Home
Titan Bet Gratis Bonus
ForzaRapid auf Twitter ForzaRapid auf Facebook Mittelfeld-Quartett Stürmer-Quartett shirt shopping newsletter Klingelbeutel

21.12.2011 12:53 | Alter: 63 Tag(e)
[info]Autor: grela

„Ich gehe zum ‚richtigen‘ Fußball!“

Univ. Doz. Dr. phil. Wolfgang Maderthaner ist Leiter des Vereins für Geschichte der Arbeiterbewegung (VGA). Zu seinen wichtigsten Tätigkeitsbereichen zählen Urban History, Moderne, Postmoderne, Neoliberalismus und die Theorie der Geschichtswissenschaften. Darüber hinaus ist der Intellektuelle ein glühender Fan des SK Rapid Wien, über den er viel zu erzählen hat.

Wolfgang Maderthaner

Anzeige

Wolfgang Maderthaner blickt gerne über den Tellerrand, das beweist seine Vita, das beweisen seine Antworten auf meine Fragen, die ich dem 57-jährigen Vielwisser im (dank seiner aufopfernden Mithilfe) wiederhergestellten Austerlitz-Saal des VGA stellen darf. An diesem historisch bedeutsamen Platz waren sie alle, die großen Sozialdemokraten, aber nicht nur sie. „Josef Stalin hat hier 1913 zwei Monate lang die Nationalitätenfrage studiert und danach eine Kritik verfasst. Sein Übersetzer war Nikolai Bucharin, was insofern brisant ist, als Bucharin zu den ersten Stalin-Opfern gezählt hat.“ Ich merke sofort, was ich schon davor gewusst habe – Wolfgang Maderthaner hat etwas zu erzählen! Und es ist mir ein Anliegen, zu erwähnen, dass er seine Erzählungen derart sympathisch und rhetorisch geschliffen vorträgt... ich hätte ihm stundenlang zuhören können!

Neben zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen in mehreren Sprachen zeichnet das Rapid-Mitglied auch für zwei Juwelen der österreichischen Fußballliteratur verantwortlich. In „Mehr als ein Spiel. Fußball und populare Kulturen im Wien der Moderne“ (1997) und „Die Eleganz des runden Leders. Wiener Fußball 1920 bis 1965“ (2008) hat Maderthaner gemeinsam mit seinem Freund Roman Horak, Professor an der Angewandten, zwei Werke geschaffen, die maßgebend für die Sozialgeschichte des Wiener Fußballs sind. Das erste Buch haben die beiden passionierten Rapidler gemeinsam konzipiert und geschrieben, beim zweiten zeichnen sie gemeinsam mit Alfred Pfoser als Herausgeber verantwortlich.


Herr Maderthaner, Sie wurden am 19. Mai 1954 in Waidhofen an der Ybbs geboren. Von dort ist Linz näher gelegen als Wien. Warum sind Sie kein VOEST-, sondern ein Rapid-Fan?
Wenn ich das rückblickend nicht idealisiere, war es so: Ich bin in der Böhler-Siedlung aufgewachsen, nahe der Böhler-Ybbstal-Werke, wie es damals geheißen hat. In unmittelbarer Werksnähe gab es Arbeiter-Wohnhäuser, wo man vor allem ein Spiel erlernt hat – das Fußballspiel. Das war das zentrale Erlebnis meiner Kindheit schlechthin! Nach der Schule hat man alles sofort weggeschmissen und ist auf den Platz gerannt, der eine bessere Gstettn war. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es sich dabei nicht um eine Konstruktion von mir im Nachhinein handelt, aber der Inbegriff des Arbeiterklubs war Rapid. In der ganzen Siedlung hat es keinen Austria-, LASK- oder VOEST-Anhänger gegeben. Es war eine „Rapid-Gegend“! (lacht) Die besten Spieler, die diese Siedlungen produziert haben, sind aufgrund der Nähe nach Linz gegangen. Der Sprung zu Rapid ist jedenfalls keinem dieser Burschen gelungen.

Drei Tage vor Ihrer Geburt hat Gerhard Hanappi vor 7.000 Zuschauern am Simmering-Platz in der 58. Minute das 3:1 beim 3:2-Sieg gegen den FC erzielt, Rapid wurde nach diesem Letztrundenspiel zum 19. Mal Meister. Wann haben Sie den „Gschropp“ zum ersten Mal wahrgenommen? Was wurde über ihn erzählt? Welchen Stellenwert hat er für Sie in der Geschichte Rapids?
Ich habe Hanappi nie bewusst spielen gesehen, aber mein Vater hat in einem Tonfall der Ehrfurcht über ihn gesprochen. Hanappi war ein Genie, eine eigene Kategorie. Er war eine Inkarnation und ein Inbegriff von Fairness und Genialem! Auch wenn man es damals nicht so ausgedrückt hätte – er hatte die Gabe, ein Spiel zu lesen. Er war ein bisserl eine Art Säulenheiliger, würde ich meinen. Soweit ich weiß, wurde Hanappi niemals ausgeschlossen. Er verkörperte den Typus des fairen Sportsmannes, nebstbei war er ein fescher Bursch und eine Identifikationsfigur für sicher sehr, sehr viele Menschen. Vor allem auch deswegen, weil er – was für viele Leute im Umfeld meiner sozialen Schicht sehr wichtig war – nach Bildung gestrebt hat. Die Werkschule und die ausgebildeten Facharbeiter, das war schon etwas! Aber weiterzukommen, beispielsweise auf die TU, vielleicht sogar Architekt zu werden oder etwas anderes, das die Phantasie beflügelt hat – das war ungemein wichtig. Hanappi hat das alles dargestellt. Auch aufgrund seines frühen Todes musste er zum österreichischen Genie werden, wenn ich mir diese persönliche Leseweise erlauben darf. Österreichische Genies werden nicht sehr alt. Sie sterben früh und werden im Tod erst so richtig groß. Gerhard Hanappi ist unzweifelhaft einer der größten Rapidler aller Zeiten! Ich würde sogar noch weitergehen und behaupten, dass er neben Matthias Sindelar und Ernst Ocwirk der größte österreichische Kicker jemals ist!

Waren Sie selbst ein aktiver Fußballer? Hatten Sie ein Idol?
Ich habe bei Waidhofen, einem damals drittklassigen Verein, als Tormann gespielt. Mein Held war aber ganz klar definiert – „Bimbo“ Binder! Das mag vielleicht sogar mit der Herkunft meiner Mutter zusammenhängen, die – wie Binder – aus Spratzern in St. Pölten stammt. Es mag also durchaus erblich festgelegt gewesen sein! (lacht) Obwohl ich gerne Kicker geworden wäre, muss ich sagen, dass ich kein sonderlich begabter Fußballer war. Einer meiner Kollegen, Franz Spring, der danach in der zweiten Liga bei Krems und Baden ein relativ gefürchteter Mittelstürmer war, wurde aufgrund seines Vornamens und seiner Position nur „Bimbo“ genannt.

Kürzlich ist das Buch „Franz ‚Bimbo‘ Binder. Ein Leben für den Fußball“ erschienen. Ein großer Anteil des darin verwendeten Bildmaterials stammt von Mario Wiberal, dessen Nachlassverwalter Sie sind. Wie sind Sie zu diesen Bildern gekommen?
Vor gut 15 Jahren habe ich das historische Foto-Archiv der Arbeiterzeitung für mein Institut geerbt. Dieses Archiv beinhaltet 600.000 Fotos! Wir sind diesen Bestand Schritt für Schritt durchgegangen und haben festgestellt, dass die größten Fotografen Österreichs ihrer Zeit vertreten sind. Irgendwann ist mir beim Durchforsten ein Karton in die Hände gefallen und ich sehe diese Fotos! Mit dem Namen Wiberal konnte ich zunächst gar nichts anfangen und habe deswegen Christian Lunzer, der seinerzeit den Löcker Verlag ganz wesentlich mitbetrieben hat und ein ganz wunderbarer Fotohistoriker ist, angerufen. Ich habe ihn gefragt, wer Mario Wiberal ist – na, da habe ich was gehört! (lacht) Wiberal hat die großen Ikonen, wie Binder, Hahnemann oder Hanappi fotografiert und war ein ganz großer Mann der damaligen Sportfotografie. Dass ich sein Werk zwischen die Finger bekommen habe, war ein reiner Zufallsfund, der noch längere Zeit verborgen bleiben, achtlos weggeworfen oder zerstört hätte werden können.

Sie sind wegen des Geschichte- und Anglistik-Studiums nach Wien gezogen. Wie haben Sie gelebt, was haben Sie gemacht?
Mit dem Wiener Erlebnis hat sich meine aktive Fußballkarriere relativ schnell aufgehört, weil sich die Bindung zur Heimat nicht mehr im entsprechenden Ausmaß aufrechterhalten hat lassen. Wien war damals für einen jungen Mann meiner Herkunft unglaublich aufregend! Ich bin in der ersten Hälfte der Siebziger-Jahre hierhergekommen. Ich habe die Pfarrwiese noch gekannt, weil meine Verwandtschaft mich bereits vor diesem Schritt immer wieder auf ein Spiel mitgenommen hat. Wenn wir zu Besuch in Wien waren und sich die Möglichkeit ergeben hat, ein Rapid-Match mitzuerleben, war das unfassbar für mich! Als ich dann in Wien gelebt habe, hätte ich die Möglichkeit gehabt, den Weg öfters auf die Pfarrwiese zu finden. Ich habe das zwar schon getan, aber interessanterweise sehr unregelmäßig. Es gab dafür zuviele andere besuchenswerte Ereignisse. Ich war öfters im Konzerthaus, wo ich erstmals meine geliebten Schubert-Streichquartette live in allerhöchster Qualität hören konnte! Aber es gab auch Jazzrock-Bands wie Blood, Sweat & Tears, die dort einen unsagbaren Auftritt hatten! Ich konnte plötzlich Frank Zappa live sehen und ähnliche Dinge mehr. (lacht) Dafür hat man natürlich gearbeitet, wochenlang intensiv Nachhilfe gegeben oder bei der Post Packerl geschupft. Auch ein Rapid-Match war vom Finanziellen her nicht ganz selbstverständlich. Man hat etwas tun müssen für diese Genüsse.

Wie war die Pfarrwiese? Können Sie die Magie dieses Ortes zurückerinnern?
Ich muss betonen, dass es sich dabei um Erinnerungen eines Kindes bzw. heranreifenden Burschen handelt, die man ab einem gewissen Alter auch gerne verklärt. Soweit ich mir diese Bilder noch präsent halten kann: Da gab es meinen Onkel Charly. Er war eine Seele von einem Menschen und quasi eine Straßenbahner-Ikone auf der 71er-Linie. Was für ein anständiger und liebevoller Mensch war das! Aber wenn er mich mit auf die Pfarrwiese genommen hat, war er anders. Er war aufgeregt, hat geschrien und – wenn es sein „musste“ – auch getobt. Dass dieser Verein, vielleicht auch der Ort selbst imstande ist, den an sich gutmütigen und etwas langsamen Onkel Charly in Wallung zu versetzen – das ist meine entscheidende Erinnerung. (lacht) Das Zweite ist diese Tribüne, die Unmittelbarkeit des Spektakels, das direkt vor dir abläuft, das eigentlich vormoderne Element gewesen. So meine ich es in Erinnerung zu haben. Eine Geschichte zur Pfarrwiese: Wir sind auf der Süd-Tribüne eine eingeschworene Abonnentenrunde und treffen uns zwei Stunden vor jedem Spiel, um über Aufstellungsvarianten zu debattieren. Bis vor einigen Jahren hatten wir einen relativ schönen Treffpunkt, das Gasthaus Stephan, auf der anderen Seite des Wienflusses. Inzwischen treffen wir uns in der Vereinskantine des Tennisvereins, der auf der Pfarrwiese angesiedelt ist. Am Anfang war das eine irrsinnige Überwindung, aber das entscheidende Argument war, dass wir immerhin auf der ehemaligen Pfarrwiese sitzen. Der Platz könnte sinnvoller verwendet werden, andererseits hat es zumindest etwas mit sportlicher Betätigung zu tun.

Einer Ihrer Forschungsschwerpunkte ist die „Theorie der Stadt“. Wie analysieren Sie Wien?
Meine Auseinandersetzung mit der urbanen Anthropologie wird ganz wesentlich von der Sicht des Historikers beeinflusst, der ich ja eigentlich auch bin. Ich versuche aber, in meiner ganzen Arbeit und dem, was ich unterrichte, über Fachgrenzen hinwegzugehen. „Urban Studies“ – das ist ein unglaubliches Thema, das einen auch zum Fußball hinführt, aber beileibe nicht nur. Meine Hauptintention war und ist es, mir städtische Gegenwelten anzuschauen. Im prächtigen Wien des Fin de siècle, einer europäische Kulturmetropole allerersten Ranges, ist das die Welt der Ziegelböhm, Erdberg und das Neulerchenfeld. Das waren die dialektischen Gegenwelten zum Glanz, zum Gold und zur Repräsentation. Dadurch wird auch mein Blick auf die aktuelle Stadt geformt, weil es geradezu unglaublich ist, wie weit sich diese Stadt als Gesamtes präsentiert. Das betrifft die Optik, die gebotene Sicherheit und die unglaubliche Lebensqualität. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich mir Wien nicht als Liebhaber dieser Stadt anschaue. Meine Frau, eine geborene Wienerin, macht sich immer lustig über mich und das „Assimilanten-Phänomen“, dass man zum besseren Wiener wird als die eingesessenen. Ich nehme an, dass sie recht hat, zumindest identifiziere ich mich mit dieser Ebene des Wienerseins sehr gerne. Ich muss sagen, dass wir in unglaublich interessanten Zeiten leben. Diese könnten in naher Zukunft auch eine Spur zu interessant werden, aber wie auch immer. Wir leben im Zeitalter einer globalisierten Migration, wobei der Wiener immer schon ein Produkt von Immigration war. Das ist einfach so und wird auch durch die Lage der Stadt bedingt – mehr im Zentrum Europas geht nicht! Ein lieber Kollege und Sitzplatz-Nachbar auf der Süd, Blitzkurier-Gründer Hans Rüf, und ich haben uns lange Zeit gefragt, wo die Söhne der Immigranten sind, warum sie nicht in Rapids Erster spielen. Dann kam mit Veli und Ümit plötzlich ein richtiger Schub. Das habe ich sehr schön gefunden! Ich halte das für eine geglückte Art von Integration.
Um auf Ihre Frage zurück zu kommen: Es ist natürlich vieles im Umbruch. Alte Gewissheiten, mit denen wir aufgewachsen sind, existieren so nicht mehr! Das wird natürlich konkrete Folgen für die Stadt und die Wahrnehmung der Stadt haben. Ich kann nur sagen, dass Wien nicht umsonst die ersten Plätze vieler, sicher auch hinterfragbarer, Rankings einnimmt. In puncto Lebensqualität geht fast nichts drüber!

In „Die Eleganz des runden Leders“ beschäftigen Sie sich mit dem Wiener Fußball von 1920 bis 1965. Wann war Wien der Nabel der Fußballwelt oder exakter formuliert – wann war Wien am dominantesten in seiner Fußballkunst?
Ich habe mir diese Frage schon oft gestellt. Die dominante Wirkung im Fußball entwickelte Wien in einer Zeit, die eigentlich eine Katastrophe ist und in noch unvorstellbareren und wahnsinnigeren Katastrophen gipfelte. Ich spreche von den frühen Dreißiger-Jahren. Die zweite Fast-Hegemonie, hätte es Budapest nicht gegeben, war Ende 40, Anfang 50, als wir unvergleichbare Spielertypen hervorgebracht haben, auch und vor allem Rapid. Der allgemeine Wohlstand war damals – um es vorsichtig zu sagen – noch sehr wenig entwickelt. Die Überlegung, dass es dem Fußball gut geht, wenn die Zeiten schlecht sind, ist keine sympathische! In den beiden genannten Hochphasen ist es der Stadt aber tatsächlich sehr dreckig gegangen. Für Budapest und Prag gilt Ähnliches. Wobei es sich dabei um keine allgemeingültige Regel handelt, wenn man sich zum Beispiel Barcelona oder München anschaut.

Inwieweit hat sich die Verbindung der Sozialdemokratie mit Rapid im letzten Jahrhundert verändert?
Wenn dieses Thema aufkommt, sage ich gerne, dass die Austria der sozialdemokratische Klub in Wien ist. Das ist so und das war immer so! Bei Rapid ist das viel komplizierter, das Verhältnis zur Sozialdemokratie ist ganz uneindeutig. Zu Zeiten eines Dionys Schönecker beispielsweise sieht man in der Berichterstattung der Arbeiterzeitung, dass das Profitum verdammt wurde, weil es nur das Schlechte im Menschen zum Vorschein bringt. Eine Ausnahme wurde aber gemacht, wo trotz Profitum alles ganz toll und okay war – bei Rapid! Von Seiten Rapids war die Liebe gar nicht so uneingeschränkt. In den Fünfziger- und Sechziger-Jahren war das Verhältnis von Seiten des Vereins sehr distanziert. Gar nicht von den Spielern her – ein Hanappi hat sich ja ganz klar deklariert. Eine gewisse Identität ist aber erst mit dem Toni Benya gekommen. Seit damals sagt man gerne, dass Rapid ein „roter“ Klub ist. Aber davor war diese Nähe eigentlich nicht gegeben!

Sie schätzen Michael Häupl sehr. Hatten Sie schon ein Derby-Gespräch mit dem Herrn Bürgermeister?
Nein! Das wird aus gutem Grund nicht besprochen. (lacht) Michl Häupl ist der Präsident meines Instituts. In sehr vielen Fragen herrscht zwischen uns Einklang, in manchen auch nicht – diese Punkte muss man nicht unbedingt forcieren.

Hat Rapid das erhabene Wiener Scheiberlspiel jemals praktiziert?
Sie müssen bedenken, dass Rapid diese Einschreibung und diesen Sinn hat, der bis zur letzten Minute kämpfende, niemals aufsteckende Arbeiterverein zu sein, das ist klar. Die Frage ist nur, inwieweit das Hilfskonstruktionen sind, die sich die Fans schaffen, um Identität mit der Mannschaft haben zu können. Wie weit spielt diese Identität zurück auf das Feld? Es gibt den Hansi Horvath (Stürmer von 1927-29), den „Gschroppn“, also außergewöhnliche Figuren, die auch in eine andere Richtung zeigen. Einer der schönsten Momente, die ich am Platz gehabt habe, war es, dem Dejan beim Spielen zuzuschauen. Mitzubekommen, wie er das Spiel begreift, wie er intuitiv und intellektuell hochstehend „scheiberlt“, war ein Hochgenuss! Und das hatte mit Kämpfen und „Buren“ rein gar nichts zu tun! Manchmal ist er nach einer halben Stunde vom Platz gegangen, aber diese halbe Stunde war ein Genuss der Sonderklasse. Ich denke mir, dass das beim Hanappi nicht ganz unähnlich gewesen sein wird. Ich nehme an, dass auch die Körners zu dieser Klasse gehören, ein Happel wird davon nicht ausgeschlossen sein. Zugleich habe ich die klare Einschreibung des Kämpferischen und auch Kräftigen, die durch die Rapid-Viertelstunde befestigt wird. Man muss Rapid, auch in seiner Geschichte, differenziert sehen. Gescheiberlt wurde aber mit Sicherheit auch in Hütteldorf.

Welche Rapid-Mannschaft hat Sie am meisten in Ihren Bann gezogen?
Das ist nicht so einfach! Ich muss zugeben, dass ich von der Mannschaft mit Hoffer, Maierhofer, Korkmaz und so weiter einigermaßen beeindruckt war. Trotz einer tapferen, aber diskussionswürdigen Abwehr! Das kollektive Ü-Ü-Ü, dass endlich wieder ein Kicker aus der Vorstadt, aus dem Kobel aufgeigen konnte und dafür gefeiert wurde, nährt meine Begeisterung sicher. Mir hat diese Mannschaft imponiert! Und dann gibt es natürlich eine Mannschaft, die wir alle gerne gesehen hätten. Zeman, Happel und Merkel hinten – das ist nicht nix! (lacht) Vorne die Körner-Buam, der Probst, der Dienst, dazwischen der Hanappi... unglaublich! Ich habe die Ehre gehabt, ein paar kleine Beiträge für das kürzlich erschienene Derbybuch zu verfassen. Damals habe ich mir das Entstehen des „brasilianischen Systems“ noch einmal genauer angeschaut. Es gibt die Geschichte, dass der „Bimbo“ Binder seine Karriere bei einer Brasilienreise beendet und nach dem Match seine Kickpackln ins Publikum geschmissen hat. Er hat aber nicht nur etwas weggehaut, sondern gleichzeitig etwas mitgenommen, nämlich die Idee, dass man so auch Fußballspielen kann. Das heißt schon, dass er ein ganz großer Mensch war!

Gibt es einen magischen Moment in Verbindung mit Rapid, der Ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben ist?
Es gibt so viele spezielle Spiele, aber der 4:0-Sieg gegen Sporting auf dem Weg ins Finale war für mich ein magischer. Auch diverse Auftritte des Trifon Ivanov im Rahmen dieses Bewerbs waren durchaus magisch. Es gibt aber einen noch viel magischeren Moment! Man kann es mir als Koketterie oder Vordergründigkeit auslegen, vielleicht ist es kindisch, aber ich muss es sagen, weil ich es wirklich so spüre: Es ist der Moment, wenn ich ins Stadion hineingehe! Von der Keißlergasse kommend gehe ich auf den Oberen Rang der Südtribüne und habe so ein Gefühl. Ich habe das auch schon gemacht, als wir 2.500 Zuschauer hatten. Und ich war trotzdem aufgeregt. Aber natürlich vor allem auch jetzt, wenn wir üblicherweise ausverkauft sind – dieser Moment hat schon etwas! Es ist weg, wenn man das Stadion verlässt, und man braucht es auch nicht jeden Tag... es ist schwer zu beschreiben, weil es ein irrationaler Moment ist und so etwas immer schwer in Worte zu fassen ist.

Gibt es etwas, das Sie im Stadion aus der Fassung bringt?
Natürlich! Ich glaube, dass ich manchmal Menschen in meiner direkten Umgebung vielleicht sogar dann und wann auf die Nerven gehe, weil ich im Extremfall sogar explodiere. Der rationale Zugang ist eigentlich nicht zu finden. Hin und wieder denke ich mir, dass ich mich anders verhalten hätte können, anders verhalten hätte müssen. Weil ich in diesen Momenten die Gebote der sportlichen Fairness übertrete. Als Fan bin ich zu emotional, zu laut. Dafür werde ich manchmal gehänselt. Eines ist aber ganz klar – die Absicht, den Verein zu unterstützen, lässt meine Emotionen überschwappen, nicht irgendeine böse Absicht!

Ich erkenne mich in Ihren Worten wieder. Bei mir sind oft die Schiedsrichter Auslöser...
Viele Schiedsrichter, eigentlich alle, die im Hanappi pfeifen, haben das Problem, sich gegen eine relativ kompakte Fanmasse und die implizierte Geschichte, die lautet: „Im Hanappi traut sich der Schiedsrichter eh nicht!“, durchsetzen zu wollen bzw. müssen. Somit werden sie veranlasst, sich zu beweisen. Und das Fatale an meiner Fanbrille, die ich aufgesetzt habe, ist, dass ich überhaupt noch nie einen Schiedsrichter im Hanappi gesehen habe, der uns bevorzugt oder demonstrativ für uns gepfiffen hätte. Im Gegenteil – sie haben uns immer runtergetragen. Und das kann es natürlich nicht geben! (lacht) Es liegt also an meiner ganz speziellen Wahrnehmung dieser Angelegenheit.

Wie sehen Sie den Block West?
Alles, was man dazu sagen kann, ist vom eigenen Vorurteil bestimmt. Ich war mit meinem alten Freund Roman Horak, der Professor an der Angewandten ist, ständig am Platz, als sich soetwas wie der Block West zu formieren begann. Damals hat es rechtsradikale Gruppierungen auf der Westtribüne gegeben, da bin ich mir sicher. Es stimmt aber zumindest im gleichen Ausmaß, dass man dieses Problem relativ schnell in den Griff bekommen hat. Dann hat der Block West schon immer die spezielle Funktion gehabt, die Massen zu begeistern, was sich in ständig steigenden Zuschauerzahlen niedergeschlagen hat. Die Rolle des Block West ist durchaus positiv. Hans Rauscher vom Standard schreibt immer wieder, dass der Block West bei Spielen antisemitische Lieder anstimmt. Ich höre sie nicht! Vielleicht tun sie es und ich merke es nur nicht, obwohl ich ihnen gegenüber in guter Hörweite sitze. Ich habe den Block West immer für die Fähigkeit zur Inszenierung geschätzt, weil das etwas sehr Schönes ist. Die andere Seite ist natürlich – und dazu müssen wir das Stadion verlassen –, dass sicher auch soziale Problemfälle darunter sind. Die Frage ist: Was kann der Verein machen? Die Frage ist, ob man eine sozio-kulturelle Problemfrage als Verein im Stadion beheben kann. Manche Fans sind sicher nicht die größten Gewinner der Modernisierung. Ich glaube aber, dass Andy Marek einen guten Weg geht. Wir waren beim Auswärtsspiel in Sofia, wo man von der Polizei gezwungen wurde, bei Minusgraden noch eineinhalb Stunden im Stadion zu stehen. In solchen Situationen merkt man erst, welch wichtige Rollen Andy Marek und Oliver Pohle einnehmen, was sie leisten! Es handelt sich immerhin um die hochkomplexe Problematik des Agierens im Massenzusammenhang. Man braucht auch nicht alles schön zu reden, darf aber durchaus konstatieren, dass teilweise Vorbildhaftes geleistet wurde. Die Permanenz-Verteufelung in verschiedenen Medien ist jedenfalls kontraproduktiv. Man muss sich dagegen wehren, wenn einem Dinge vorgeworfen werden, die gar nicht passieren. Es kann aber auch nicht sein, dass man übertrieben selbstbewusst auftritt und sagt, dass man eine Fangruppe ist, die den Verein als Anhängsel quasi mitschleppt. Ich bezweifle aber, dass es sich dabei um eine mehrheitliche Meinung im Block West handelt.

In der Rapid-Führung wurde die kürzlich publik gemachte Renovierung des Gerhard-Hanappi-Stadions als „Meilenstein“ und „Jubeltag“ bezeichnet. Stimmen Sie damit überein?
Fakt ist: Man muss etwas tun! In Zeiten, in denen die Gemeinde Wien mit massiven Budget-Einschränkungen konfrontiert ist, muss man über die zur Verfügung gestellte Summe froh sein. Sie haben es sicher auch miterlebt – das Derby im Happel-Stadion war in jeder Hinsicht erbärmlich! Ich wäre sehr gegen ein Stadion-Neubau gewesen. Das Hanappi ist nun einmal das Hanappi. Dass das Potential für mehr da wäre, ist auch klar. Als Außenstehender ist es natürlich leicht zu reden. Ich bin aber „nur“ ein Fan, und als solcher sehe ich, dass etwas passiert, und das ist schon sehr gut und richtig.

Wäre es sinnvoll, wenn Intellektuelle mit grünweißem Herz wie Sie, Domenico Jacono, Roman Horak oder andere Rapid-Fans mit einer Extraportion Hirn und Geschichtswissen dem Verein mit Rat zur Seite stehen würden?
Nein, ich glaube sogar, dass das schädlich wäre! Ich bin auch in der Politik sehr gegen Experten-Kabinette und Gremien, die von demokratischen Entscheidungs-Prozessen abgehoben sind. Man muss das schon den Profis überlassen, jenen Menschen, die das als Beruf haben, die auch eine ganz andere Problemsicht haben und haben müssen. Sie sind viel näher an der alltäglichen Praxis. Von Außen sind die wunderbarsten Forderungen immer schnell aufgestellt, aber es muss auch die Menschen geben, die das in der alltäglichen Routine umzusetzen und einen Blick für das Wesentliche haben. Mittlerweile ist Rapid ein Bomben-Unternehmen. Für mich wäre es kontraproduktiv, wenn sich Außenstehende einmischen würden. Es muss genügen, wenn man hin und wieder in der Öffentlichkeit auftritt und etwas zu bestimmten Themen sagt. Den Verein müssen aber schon jene Menschen führen, die ihn von innen her kennen!

Was ist aktuell gut an Rapid, was schlecht? Und ist es Ihrer Meinung nach realistisch, dass Rapid niemals zu einer Konzernmannschaft verkommt?
Wir müssen zwei Dinge auseinanderhalten. Das eine ist die historische Identität, auf die die aktuelle Vereinsführung sehr clever setzt. Die andere Seite ist das Modell, das besagt, Rapid gehöre seinen Mitgliedern. Das stimmt zwar nicht ganz so, aber es ist auch das Umgekehrte nicht wahr. Rapid ist nicht von einem schrulligen Multi-Millionär oder Scheich abhängig, und das ist gut und richtig so! Der Gedanke, Rapid – mit seiner Popularität und seinem Einzugsgebiet – als großen Verein zu installieren, ist verlockend. In diesem Fall würde aber kaum ein Wiener mehr in der Mannschaft stehen. Ich brauche keine Europa-Auswahlen à la Inter Mailand. In meiner Runde heißt es immer: „Wir schauen keine Champions League, wir gehen zum richtigen Fußball!“ Und dieser Fußball ist nunmal nicht perfekt und nicht so schnell. Aber er ist emotional! Ständig Spiele in einem 50.000er-Stadion zu sehen – das hätte schon was. Aber noch viel lieber will ich einen Buam von der Schmelz sehen, der eine regionale Identität mitvermittelt! Solange der internationale Fußball nach unattraktiven bis unseriösen neoliberalen Leitprinzipien ausgerichtet ist, werden wir mit der Spitze sowieso nie konkurrenzfähig sein. Hin und wieder schöne Matches in der Europa League – das passt schon so!

Was war aus Ihrer Sicht der fußballgeschichtlich größte Erfolg Rapids?
Man kann in dieser Sache nur subjektiv bleiben. Der Gewinn der Deutschen Meisterschaft ist hochambivalent, auch wenn man sagen kann, dass die Mannschaft um Binder und Pesser unglaublich gewesen sein muss! Rapid hat viele Erfolge gefeiert, vom Gewinn des Mitropacups, bis hin zum zweimaligen Erreichen des Europacup-Finales. Ich entscheide mich trotzdem für etwas anderes. Ich habe einmal eine DVD über „Fußballkultur in Österreich“ anlässlich der EURO 2008 für das Filmarchiv gemacht. Dabei sind wir die noch existierenden Filmmaterialien durchgegangen. Mir ist ein Spiel aufgefallen, bei dem ein gewisser Ernst Happel drei Tore gegen Real Madrid geschossen hat. Als Historiker würde ich dieses gewaltige Match als größten Erfolg der Vereinsgeschichte sehen, wissend, dass Real damals eine komplett eigene Kategorie dargestellt hat. Und dann macht der „Wödmasta“ drei Knöpf! Auch wenn wir danach unter den uns allen bekannten Umständen ausgeschieden sind, bleibt dieses Spiel wohl unerreicht.

Was sagen Sie zur Idee, Hans Krankl als eine Art repräsentativer Ehrenpräsident und Werbeträger Rapids ohne Entscheidungsgewalt zu installieren?
Ich habe den Hansi als Spieler, wenn ich das Wort doch verwenden darf, geliebt. Er war eine große Identifikationsfigur. Wenn der seltene Fall eintritt, dass ein Match aus den Siebzigern wiederholt wird, schaue ich mir das an und denke mir, dass er eine geradezu unglaubliche Ballbehandlung gehabt hat! Mein Gedächtnis sagt mir eigentlich, dass er immer richtig gestanden ist und ein Goalgetter der Sonderklasse war. Dieser Mensch hat aber Fußball gelebt und verstanden. Er hatte auch eine Technik. Wie er mit der Kugel umgegangen ist, unglaublich! Was anderes ist seine Karriere als Trainer, wo er immer wieder knapp daran war, ein großer Trainer zu werden. In den entscheidenden Momenten hat er schon auch ein Pech gehabt, wenn ich nur an Inter Mailand denke. Hansi ist Rapid irgendwie, und ich denke mir, dass man ihn im engeren Umfeld des Vereins halten muss. Soviele haben wir nicht von seiner Statur! Aber was soll er wirklich machen? Das ist eine ganz schwierige Frage! (überlegt) Nein, ich kann nicht wirklich mit einem vernünftigen Statement kommen. Wie viele andere wünsche ich ihn mir beim Verein, weiß aber nicht, wie man das bewerkstelligen könnte. Es ist jedenfalls nicht gut, wenn Leute wie einst Gerhard Hanappi vom Verein scheiden.

Wer ist aktuell Ihr Lieblingsspieler, wer ein Hoffnungsträger?
Beim ersten Teil der Frage ist die Antwort vorgegeben – Steffen Hofmann. Er ist kein typischer Rapidler, obwohl er natürlich auch mit seiner Kampfkraft glänzt. Er ist aber eben auch ein ganz ein feiner Techniker und besonders intelligenter Spieler. Schön zum Anschauen war und ist das oft! Der Gegentypus, auf den ich sehr hoffe, wenn er es menschlich derpackt, ist Christopher Drazan. Diese Kräftigkeit und das Schnelle, das sozusagen Kämpferische, verkörpert er meiner Meinung nach sehr gut. Ansonsten sehe ich in der aktuellen Mannschaft noch nichts Herausragendes heranwachsen. Aber was weiß man, das kann oft sehr schnell gehen!


(grela)


THEMA


Rund um Rapid und den Fußball im Allgemeinen gibt es eine riesige Menge an brandaktuellen und zeitlosen Themen, die in der wöchentlichen Topstory aufgearbeitet und präsentiert werden. Um den Geschmack meiner Leserschaft besser treffen zu können, bitte ich um Vorschläge und Hinweise, die mir die Auswahl der „richtigen“ Sujets erleichtern. Ich hoffe darauf, dass diese Geschichten ein paar dunkle Stellen aufhellen können.
(grela)

Deine Meinung zählt!


Neuen Kommentar hinterlassen


Ins Gästebuch eintragen
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz  
Forza-Rapid-Quartett

Two worlds (didn't) collide – Part 300

Mo, 20. Februar 2012

SAISON 2011/12


1. RAPID 21 30:19 34
2. Austria 21 36:30 32
3. Ried 21 30:24 32
4. Red Bull 20 32:20 31
5. Sturm 21 34:28 31
6. Admira 20 31:30 28
7. Innsbruck 20 22:25 27
8. Wr. Neustadt 20 17:27 23
9. Mattersburg 21 26:28 20
10. Kapfenberg 19 13:40 10

RAPID & ICH

Andy Burger

Dezember 2011 [mehr]

Archiv-Kalender


« Februar - 2012 »
MDMDFSS
 0102
03
04
05
06
07
0809101112
13
14
1516
17
1819
20
2123242526
272829 

REGIONALLIGA OST


1. Horn 15 39:13 31
2. Parndorf 15 28:16 28
3. RAPID (A) 15 25:14 27
4. Schwechat 15 26:17 26
5. Simmering 15 30:22 26
6. Sportklub 15 30:24 26
7. Admira (A) 15 21:24 24
8. Sollenau 15 37:36 22
9. Austria (A) 15 31:22 20
10. Amstetten 15 17:24 19
11. Ritzing 15 18:32 19
12. Stegersbach 15 26:30 18
13. Mattersburg (A) 15 20:25 17
14. FAC 15 13:19 13
15. Neusiedl 15 19:30 13
16. Columbia 15 16:48 7
DAS Rapid-Magazin, Blog, News, Interviews, Spielberichte, Spielplan, Kommende Runde, Tabellen, Statistiken, Fans, Rapid, Rekordmeister, SK Rapid Wien, SCR, Hütteldorfer, Grünweiße, Forza Rapid, Fussball, Supporter, Szene, St. Hanappi, Hanappi Stadion, Newsletter, Fragebogen, Hopping
© Web-Realisierung | Yii-Spot | 2009-2011