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23.02.2011 13:04 | Alter: 1 Jahr(e)
[info]Autor: grela

Die Könige der Rapid-Daten

Gerald Pichler und Herbert Pawlek haben den Fans des SCR ein Geschenk von unschätzbarem Wert gemacht – das Rapidarchiv. Auf diesem Juwel von Homepage findet der interessierte Anhänger fast alles, was der österreichische Rekordmeister seit seiner Gründung an Zahlen und Statistiken fabriziert hat. Neben der Erfassung dieses beeindruckenden Datenstroms haben die beiden Ur-Rapidler faszinierende Geschichten erlebt. Ein paar davon erzählen sie hier.

Das Rapidarchiv jetzt...

... das Erscheinungsbild im Jahr 2005...

... und das (optische) Debüt im Jahr 1998.

Rapidarchiv-Mastermind Gerald Pichler

Rapidarchiv-Mastermind Herbert Pawlek

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Ich selbst bin tagtäglich Gast in der virtuellen Wunderwelt von Gerald Pichler und Herbert Pawlek. Ohne die Arbeit der beiden Pioniere wäre ich oft aufgeschmissen, würde manche Idee am zu hohen Arbeitsaufwand scheitern.
Insofern ist es ein wahrer Glücksfall für mich und viele andere verwöhnte Profiteure, dass sich die beiden Wiener Anfang der Neunziger-Jahre bei ihrem damaligen Arbeitgeber aus der IT-Branche über den Weg liefen. Ein „Zimmerkollege“ Herbert Pawleks war mit Gerald Pichler auf einem Rapid-Match. So kam die gemeinsame Leidenschaft ans Tageslicht und es entwickelte sich eine Freundschaft, die in einem der großartigsten Rapid-Projekte überhaupt mündete.
Wie es genau dazu kam, erzählen aber am besten die beiden Macher selbst.

HP: Irgendwann haben wir bei Gerald zuhause ein Video geschnitten. Damals habe ich erstmals seinen Fundus bewundern dürfen. Wahnsinn, wieviele Schränke mit Ordnern voll waren! Ich habe zu ihm gesagt, dass man das Material nicht in den Kästen „verrotten“ lassen darf und es irgendwie der Öffentlichkeit zugänglich machen muss.
GP: Als ich Anfang der Neunziger-Jahre meinen Computer bekommen habe, wurden Herberts Vorschläge quasi erhört. Ich habe sofort damit begonnen, mittels PC die Daten zu erfassen. Vorher habe ich das mit einer Schreibmaschine gemacht. Mit dem technischen Fortschritt ist es für mich leichter geworden, meine angefangene Arbeit fortzusetzen. Die Idee, die Daten ins Internet zu bringen, stammt von Herbert. 1998 haben wir uns an die Fanklub-Homepage der"Rapid-Mailers" drangehängt, was auch einer Initiative von Herrn Hagen, dem Mitbegründer und Präsidenten der Mailers, zu verdanken war.
HP: Und so ist es dazu gekommen, dass wir die ersten Seiten des Rapidarchivs programmiert haben. Ich bin noch immer im Fanklub mit dabei, aber nicht wirklich aktiv. Wenn ich die Burschen sehe, quatschen wir miteinander und freuen uns über das Wiedersehen. Das war es dann aber auch.
GP: Ich bin in der Zwischenzeit kein Fanklub-Mitglied mehr. Für mich war das immer mehr ein virtueller Fanklub. An konstanten Treffen war ich nie wirklich interessiert.

Gerald Pichlers Wissensdurst muss unstillbar (gewesen) sein. Wieviel Aufwand hinter seiner Datenrecherche steckt, kann nicht einmal der personifizierte Statistik-Gott selbst sagen. Eines ist aber sicher – die Arbeit des 41Jährigen erstreckte sich zum Zeitpunkt der Geburt des Rapidarchivs bereits über viele Jahre.

GP: Früher bin ich meistens nach der Arbeit in die Nationalbibliothek gefahren, um zu recherchieren. Der eigentliche Grund für mich, Daten zu sammeln, war der, dass ich sie nirgendwo mehr gefunden habe. In den verschiedenen Büchern zu und über Rapid gab es immer die gleichen Geschichten und Anekdoten, aber die genauen Daten und Fakten hat man nirgendwo gefunden. Deswegen habe ich mir die alten Zeitungen vorgeknöpft und bin dort fündig geworden. Anfang der Achtziger-Jahre habe ich damit begonnen, Zeitungen aufzuheben, weil ich die Spiele „bewahren“ wollte. Das war die Basis für das heutige Archiv. Für mich war diese Arbeit auch ein Mittel, um hin und wieder der Gegenwart zu entfliehen. Wenn es der Rapid nicht so gut ging, habe ich mir einfach einen Ordner aus der guten, alten Zeit hergenommen und alles war wieder gut. (lacht)
HP: Egal, wie schlimm die Situation im Moment auch sein mag – man wird immer auf vergangene Zeiten stoßen, die das aktuell Negative übertreffen.
GP: Für mich ist das Match vom letzten Wochenende schon Teil der Geschichte und damit auch irgendwie abgehakt.
HP: Bei mir ist es sowieso extrem! Während des Spiels habe ich alle möglichen Emotionen, aber mit dem Schlusspfiff ist es dann auch wieder vorbei. Analysen betreibe ich während des Matchs, aber danach lasse ich es gut sein. Von kompletter Wurschtigkeit kann zwar keine Rede sein, aber ich konzentriere mich schnell wieder auf die Zukunft.
GP: Das Interessante ist ja auch das Auf und Ab, das dieser Verein durchgemacht hat. Man freut sich natürlich immer, wenn Rapid gewinnt, aber es wäre fad, wenn es nicht auch Niederlagen geben würde! Momentan beschäftige ich mich intensiv mit der Zeit vor der ersten Meisterschaft. Damals war noch überhaupt nicht abzusehen, dass der Verein so erfolgreich wird. Je tiefer ich in der Geschichte des Vereins stöbere, desto stärker wird der Sog. Und die Vielschichtigkeit der Materie macht einiges der Anziehungskraft Rapids aus.
HP: Rapid hat die Menschen schon immer in einer unfassbaren Breite beschäftigt. Das bietet einerseits ein riesiges Recherche-Potential, andererseits ist es auch so, dass diese Faszination wohl nie enden wird.

Faszinierend ist es auch, wie schnell das Rapidarchiv vielen Fans in Fleisch und Blut überging. Das lag auch an der Weiterentwicklung des Projekts zu Beginn des neuen Jahrtausend, als Herbert Pawlek eine Domain für das Rapidarchiv besorgte. „Wir haben einfach gespürt, dass dieses Projekt seinen eigenen Platz braucht.“ Diese Initiative schlug schon bald Wellen, und so segelte das Datenboot kurze Zeit später als offizielles Vereinsarchiv in den Rapid-Hafen.

HP: Der damalige Pressesprecher Peter Klinglmüller hat uns im Internet entdeckt und ist daraufhin an uns herangetreten. Er wollte, dass wir unsere Arbeit im Namen des Vereins machen, hat das Rapidarchiv auch selbst zur Recherche verwendet.
GP: Diese Eingliederung in den Verein hatte auch damit zu tun, dass Stefan Singer damals Roland Holzinger als Mitglieder-Referent abgelöst hat. Er wollte das Museums-Projekt weiter vorantreiben und unsere Daten als Basis dafür verwenden. Auch Philip Newald, der damals Leiter des Marketings war, war eine treibende Kraft hinter dieser Eingliederungs-Aktion.
HP: Man könnte uns seither als freie Mitarbeiter des Vereins bezeichnen.
GP: Eigentlich ehrenamtliche! Bei uns stand aber ohnehin nie ein finanzielles Interesse im Vordergrund. Viel mehr ist es uns eine Freude und Ehre, das Archiv im Namen des Vereins zu betreiben.
HP: Wir hatten ja auch kaum Kosten beim Ausleben dieses Hobbys. Wir wollten auch nie Werbung auf die Site stellen und Geld verdienen, sondern uns einfach austoben.

„Bezahlt“ werden Gerald und Herbert aber in allererster Linie mit einem eindeutigen „Pro-Votum“ ihrer User.

HP: Ich kann mich an keine Kritik erinnern und fühle mich hinsichtlich der vielen Lobbekundungen im Gästebuch schon sehr gewürdigt!
GP: Sowohl von den UserInnen, als auch vom Verein ist schon jede Menge Anerkennung gekommen.
HP: Mich erstaunen die hohen Zugriffszahlen auf die Page. Jeden Tag haben wir mehrere hundert Besucher. Damit habe ich nie gerechnet!
GP: Die Zahlen schwanken natürlich. Aber gut 300 Zugriffe haben wir schon pro Tag.

Der ständig wachsende Zuspruch ihrer UserInnen hat seine Gründe. Während sich Gerald bei den Statistik-Daten austobt, hat Herbert den optischen Webauftritt ständig weiterentwickelt. Der letzte Relaunch fand vor ca. eineinhalb Jahren statt. Herbert: „Es war eine intensive Herumbastlerei, die sich aber ausgezahlt hat.“ Jede der beiden Rapidarchiv-Hälften hilft der anderen, wo es nur geht. Dass schlussendlich ein rundum gelungenes Ganzes bei ihrer Arbeit herausschaut, liegt aber auch an der praktizierten Kompetenzen-Trennung. Gerald: „Es tut der Site gut, dass jeder das macht, was er am besten kann.“
Große Einigkeit herrscht auch bei der Frage nach ihrem Jugendidol. Synchron und wie aus der Pistole geschossen kommt ein Name aus der Tiefe ihrer Herzen geschossen.

Beide: Hans Krankl!
GP: In der Schule war der Goleador einfach das immer präsente Hauptthema. Später habe ich auch eine Affinität zu Torhütern entwickelt – Feurer und Konsel, die waren schon was!
HP: Ich brauche Krankl aktuell zwar nicht unbedingt beim Verein, aber er war der Gott meiner Kindheit und an diesem Status kann nicht gerüttelt werden!
GP: Bei jedem Menschen gibt es Licht und Schatten, aber letztlich hat kaum ein Rapid-Spieler den Verein so verkörpert, wie Hans Krankl. Dass er von seinen Ex-Kollegen, wie Gerüchte kursieren, etwas gemieden wird, kann ich nicht bestätigen. Bei einem Legendentreffen und der Rathaus-Gala beispielsweise war die Stimmung unter allen Anwesenden super! Sogar mit August Starek hat er sich sehr gut verstanden, obwohl es in den Neunzigern gewisse Differenzen gegeben haben soll. (lacht)

Bei Menschen, die derart tief mit Rapid verwurzelt sind wie Gerald und Herbert, drängt sich mir die Frage auf, unter welchen Umständen sie ihre vom SCR geprägte Sozialisation erfahren haben.
So wurde Gerald Pichler im Elisabeth-Spital, ganz in der Nähe des früheren Rapidplatzes Rudolfsheim, geboren. Es ist nicht unvorstellbar, dass Baby-Gerald im März 1969 durch die Aura von Rapids zweiter Spielstätte (1903-1910) geprägt wurde. Seit 1974 wohnt der inzwischen 41Jährige im 14. Wiener Gemeindebezirk, ganz Nahe am Puls jenes Vereins, der sein Blut in Wallung bringt.
Einen Tick heftiger gestaltete sich der Rapid-Werdegang Herbert Pawleks. Seit seiner Geburt im April 1968 wohnt der gebürtige Hütteldorfer in der Hackinger Straße. Einen Steinwurf vom Hanappi-Stadion entfernt. Einen Steinwurf weiter lag die Pfarrwiese, die Herbert schon sehr früh kennenlernte.

HP: Als ich noch ein Kind war, hat Rapid bereits seit drei Generationen den Alltag meiner Familie mitbestimmt. Und inzwischen werden auch schon die nächsten Generationen grünweiß eingefärbt. (lacht) Zwei Cousins von mir haben in den Siebziger-Jahren sogar bei Rapid gespielt! Dass sie neben Hans Krankl stürmen durften, war schon etwas sehr Besonderes! In der Schule bin ich oft mit stolzgeschwellter Brust unterwegs gewesen. (lacht)

Und das mit gutem Grund: Walter Pawlek (11 Spiele, 1 Tor) war zwar nicht viel mehr als eine Randerscheinung in der Geschichte des SCR. Aber sein Bruder Paul gehörte zur absoluten Crème de la Crème der Siebziger-Jahre-Stürmer. Genau 100 Pflichtspiele absolvierte der Hütteldorfer für die Hütteldorfer, unter seinen 24 Toren lassen sich auch ganz bedeutende finden. So erzielte Paul Pawlek das entscheidende Kopftor im Cup-Finale 1976, und das in der 89. Minute! Und bei der Eröffnung des Weststadions, dem heutigen Sankt Hanappi, erzielte der Vollblutstriker am 10. Mai 1977 das Goldtor gegen die Austria, ebenfalls in der Rapid-Viertelstunde (84.). Ein besonderer Freudentag der Familie Pawlek war der 13. März 1976, als Paul und Walter beim 4:1-Sieg gegen Austria Klagenfurt ihre Debüttore für Rapid erzielten. Je einen Treffer markierten die Brüder, genau wie der Goleador, den sie flankierten.
Ein gutes Jahr später machte Gerald Pichler seine ersten Erfahrungen mit dem Live-Erlebnis Rapid.

GP: Meine Rapid-Premiere hatte ich im Mai 1977, als mich mein Vater mit auf ein Match genommen hat. In der letzten Viertelstunde durfte man damals gratis ins Stadion gehen. Ich habe vom 5:4 gegen VOEST Linz noch zwei Tore gesehen. Zuerst den Ausgleich zum 4:4 durch die Linzer, dann den Siegestreffer in der 90. Minute durch Kirisits. Seit damals wollte ich immer wieder ins Stadion gehen, war infiziert. 1982 hatte ich schon mein erstes Abo, als es eine Saisonkarte eigentlich noch gar nicht gegeben hat. Ich hatte damals ein Ost-Abo, weil mir die West noch zu gefährlich war. (lacht) Bei der Kassa mussten die Leute immer zuerst schauen, wer das „Zangerl“ hat, um die Karte abzuknipsen. Später hatte ich dann keines mehr, weil man sich vor dem Match ganz gemütlich sein Ticket für die West kaufen konnte. Mit dem stark steigenden Publikums-Interesse brach Jahre später wieder die Abo-Zeit an.

Von Herbert erfahre ich, dass ich keine zwei Gehminuten von der legendären Pfarrwiese entfernt wohne. Mein Herz hüpft, während mir die beiden Langzeit-Fans ihre Geschichten zu diesem kultigen Spielort erzählen.

GP: Ich war auf dem allerletzten Match auf der Pfarrwiese, weil eine entfernte Tante Mitglied war und mich mitgenommen hat. So habe ich als Neunjähriger das Stadion und ein 6:0 gegen Admira/Wacker gesehen. Fünf Tore hat Hans Krankl geschossen und eines Paul Pawlek!
HP: Das war damals bei uns in der Familie so! (lacht) Mich hätte es schlimmer treffen können – anstatt in der Kirche war ich auf der Pfarrwiese. Ich war sogar im sagenumwobenen Kabinengang. Den Moder-Geruch habe ich noch immer in der Nase. Es war natürlich eine andere Welt im Vergleich zu heute. Damals war man aggressiv mit Hut und hat sich abreagiert, bevor es heim zur Frau gegangen ist! (lacht) Ich war schon als Kind öfters mit auf der Pfarrwiese. Irgendwann gab es dann eine größere Lücke. Durch das Reden über Rapid bin ich dann mit Gerald auf ein Match gegangen. Und das hat seitdem nicht mehr aufgehört. Ich habe kaum mehr etwas ausgelassen. Eine Zeit lang sind wir auch viel auswärts mitgefahren, in Österreich und Europa. Nach einigen Jahren ist das aber wieder abgeflaut.
GP: Es war einfach zu zeitaufwändig! Ich bin außerdem kein besonders reisefreudiger Typ. Zwischen 1994 und 1998 bin ich zwar schon sehr viel auswärts mitgefahren, aber an sich beschränke ich mich auf die Heimspiele.

Die begeisterten Besucher des Hanappi-Stadions interessieren sich natürlich sehr für die Vereinspläne bezüglich Um- oder Neubau des Stadions.

HP: Ich sehe das ganz egoistisch. Ich wohne fünf Minuten vom Stadion entfernt, also bin ich dafür, dass der jetzige Standort erhalten bleibt. Ob Um- oder Neubau – das sehe ich recht entspannt. Nur eine 0815-Arena, die überall gleich ausschaut, brauche ich nicht. Ein schwieriges Thema. Alleine die Anrainer werden Probleme machen!
GP: Auch mir ist das Wichtigste, dass der Spielort dort bleibt, wo er ist. Rapids Spielwiese gehört einfach nach Hütteldorf. Das war die letzten hundert Jahre so und darf nicht geändert werden!

Beim Nachfragen erfahre ich, dass meine beiden Gesprächspartner in unmittelbarer Nähe zu meinem eigenen Aboplatz mit der Rapid mitfiebern.

HP: Wir sind seit vielen Jahren Nord-Abonnenten.
GP: Zuerst waren wir auf der West, aber um 2001 herum sind wir dann auf den oberen Rang der Nord in westlicher Richtung gewechselt.
HP: Da haben wir dann auf einmal die Matches gesehen! (beide lachen)

Anonymität in Hütteldorf ist für beide abseits von langjährigen (Stadion-)Freundschaften durchaus möglich. „Von fremden Menschen werde ich nicht angesprochen“, meint Gerald. „Wir drängen auch nicht in die Öffentlichkeit.“ „Nein, das Stolzieren wie auf einer Parade überlassen wir anderen Leuten“, ergänzt Herbert.
Aber zurück zu der angedeuteten Phase des Auswärtsfahrens. In den paar Jahren der gemeinsamen Trips erlebten Gerald und Herbert Spiele und Situationen, die sich auf ewig in ihr Gedächtnis eingebrannt haben.

HP: Ich kann mich an Saisonen ab Anfang der Neunziger erinnern, wo wir mit dem Auto überall hingefahren sind. Ich sage nur Steyr! (lacht)
GP: (lacht) Wir waren damals zu spät dran und haben vom Stadionsprecher gehört, dass Steyr 1:0 in Führung gegangen ist.
HP: (lacht) Und dass Jovanovic ausgeschlossen worden ist!
GP: (lacht) Wir haben uns gefragt, ob wir überhaupt noch ins Stadion gehen sollen. Und dann haben wir die Partie sogar noch gewonnen!
HP: Legendär war auch die Auswärts-Saison 1995/96. Bis auf Lissabon war ich bei allen Europacup-Matches mit von der Partie. Da waren viele unvergessliche Momente dabei. Am Mittwoch sitzt du noch im Büro, am Donnerstag fährst du dann durch die Armenviertel in Ploiesti, und am Freitag bist du wieder in der Arbeit. Surreal! 4.000 Schilling habe ich für diesen Trip ausgegeben. Es war trotzdem urleiwand!
GP: Mein erstes Europacup-Auswärtsspiel war das Europacupfinale 1985 in Rotterdam! Damals bin ich noch zur Schule gegangen und habe geschwänzt. (lacht) Meine Mutter hat mich zum Bus gebracht. Organisierte Fanreisen hat es damals noch nicht wirklich gegeben. Ich bin einfach ins Reisebüro gegangen und habe gesagt, dass ich gerne dorthin fahren würde. Und so bin ich dann als 16Jähriger Richtung Rotterdam gerollt. Davor war ich weder in der Südstadt, Graz oder Salzburg. Das Europacup-Endspiel war meine absolute Auswärts-Premiere!

Mit solchen Erlebnissen im Rücken hat sich bei beiden Freunden eine Tendenz entwickelt, die sich ganz klar gegen Fußball im Patschenkino richtet.

HP: Für mich lebt der Fußball von der Live-Atmosphäre! Insofern schaue ich mir im Fernsehen fast nie ein Match an. Ausnahmesituationen in Sachen Live-Erlebnis waren die EM in Portugal, die WM in Deutschland und die Heim-Euro, wo ich mir insgesamt zehn Matches angeschaut habe. Gerade Portugal, wo ich zufällig zu den Karten gekommen bin, war großartig. Im Land zehn Tage auf und ab zu fahren und die Stadien zu sehen, hat mir großen Spaß gemacht! Ein imponierendes Erlebnis! In Deutschland habe ich mir das Spiel zwischen Australien und Italien angeschaut. Wir sind bei den Australiern gesessen, die wegen dem Elfer zehn Sekunden vor Ende der Nachspielzeit natürlich sehr angefressen waren. Ich habe diese Situation, in der Grosso nichts anderes als den Elfer wollte, widerlich gefunden. Aber der Inzucht-Bewerb Champions League oder andere Ligen interessieren mich nicht, schon gar nicht im Fernsehen.
GP: Mir geht es ähnlich. Das will ich auch meiner Freundin gar nicht antun, dass ich mir, wenn ich zuhause bin, noch stundenlang Matches anschaue. Neben Rapid gibt es auch gar keine andere Lieblingsmannschaft, mit der ich mitfiebern würde.
HP: Im Freundes- und Arbeitskreis weiß natürlich jeder, dass ich mich mit Fußball beschäftige, weswegen ich oft darauf angesprochen werde. „Was sagst Du zu dem oder dem Match?“, werde ich immer wieder gefragt. Dabei habe ich oft gar keine Ahnung davon. (lacht)
GP: Früher, als Kind, habe ich mich für das Nationalteam interessiert, was aber zunehmend abgeflaut ist.
HP: Ein tolles Erlebnis hatte ich letzten Sommer, als ich mir in aller Herrgottsfrühe auf dem Rathausplatz in San Francisco Argentinien gegen Deutschland angeschaut habe. Das war wegen der Atmosphäre inmitten von knapp hundert verschlafenen Fußballfans sehr lustig!

Von "Fremdfußball" lassen sich Gerald und Herbert in ihrem Tatendrang also nicht bremsen. Das wäre auch extrem schade, denn die Erweiterungsmöglichkeiten der Page sind noch lange nicht ausgeschöpft.

GP: Es gibt immer etwas zu tun. Ich bin gerade dabei, die Freundschaftsspiele und Jahres-Chroniken aufzuarbeiten. Auch die Spielerportraits könnten ausführlicher gestaltet werden.
HP: Es kommen auch immer wieder Anregungen unserer Page-Besucher, welche Statistiken noch ins Programm aufgenommen werden könnten. Wir schauen, was sich realisieren lässt, und setzen die Vorschläge dann teilweise auch um. Meistens weiß man schon nach wenigen Sekunden des Überlegens, ob etwas Sinn macht oder nicht.
GP: Der aktuelle Aufwand ist eigentlich immer das letzte Spiel. Ich schaue, dass das Match allerspätestens am Tag danach online ist. Und natürlich auch, dass die ganzen Statistiken, die damit verbunden sind, aktualisiert werden. Die Mannschaftsaufstellungen hole ich mir meistens von den offiziellen Vereins-Homepages, weil ich davon ausgehe, dass die Angaben dort stimmen. Aber wenn es um Freundschaftsspiele geht, dann muss ich ausweichen, weil ich auch die Gegner komplett erfassen möchte.
HP: Was mir ein wenig abgeht, sind genaue Statistiken zu den Rapid-Spielern. Wie oft hat er in der grünweißen Dress gewonnen, verloren oder unentschieden gespielt? Gegen welchen Verein hat er wieviele Tore geschossen? Das sind Fragen, die in Zukunft vielleicht beantwortet werden.
GP: Ich bin gerade dabei, eine Datenbank zu füttern und habe schon viele Saisonen eingegeben. Wenn ich zum Beispiel wissen will, gegen welchen Verein Hans Krankl wieviele Tore geschossen hat, dann braucht es nur ein paar Knopfdrucke und ich habe das Ergebnis vor mir. Es war auch im Zuge der kommenden Museums-Eröffnung angedacht, das Archiv im Rahmen eines virtuellen Museums in eine Datenbank umzuwandeln. Voraussetzung dafür ist aber, dass kein Datenverlust entsteht.
HP: Bei der Umsetzung stößt man allerdings schon an Grenzen, weil es viele Ausnahme- und Unsicherheitsfälle gibt.
GP: Eine andere Sache wäre es, zu jedem Match Zeitungsberichte anzubieten. Ich habe schon sehr viele, mehrere tausend, eingescannt. Ab dem Zeitpunkt, wo das Copyright kein Problem mehr darstellt, wird es dieses zusätzliche Feature wahrscheinlich auf der Page geben.
HP: Geralds Festplatte ist vorbereitet! (lacht) Man könnte auch Eintrittskarten und Stadionzeitungen mit den jeweiligen Spielen verlinken. Das alles habe ich lange Zeit gesammelt.
GP: Ich sammle eigentlich alles, was für das Archiv relevant ist.

Unglaublich eigentlich, welches Arbeitspensum die zwei Daten-Kapazunder neben ihren Jobs herunterspulen! Herbert hat im Rahmen der Mailers-Site zwei, drei Jahre lang eine Fan-Homepage mit Ergebnisservice für die Rapid Amateure betrieben. Zu einem Zeitpunkt, als es die Amateure in dieser Form noch gar nicht gab! „Damals war ich eine Zeit lang jedes Wochenende bei zwei Rapid-Matches!“ Dieser Doppel-Aufwand ist aber seit längerem beendet.
Anders gestaltet sich das bei Gerald Pichler, der weiter auf allen Strecken Vollgas gibt. Der inoffizielle Sportwissenschaftler hat schon oft bewiesen, dass er nicht nur eine Koryphäe im Sammeln von Daten ist, sondern auch gut schreiben kann. Drei Jahre lang hat er für sportnet.at gearbeitet und auch bei der Erstellung des Bundesliga-Archivs mitgeholfen. Darüber hinaus war Gerald an der Fortsetzung von Roland Holzingers Rapid-Chronik maßgeblich beteiligt. Das Basiswerk des einstigen Vorzeige-Rapidlers empfiehlt er guten Gewissens zur Lektüre. Und eine weitere Fortsetzung der Chronik zum 120jährigen Jubiläum ist angedacht.

GP: Mit der Pressestelle bin ich auch in ständigem Kontakt und verschicke beispielsweise Hinweise auf Jubiläumsspiele. Im Jubiläumsjahr selbst war ich sogar eine Zeit lang beim Verein angestellt. Ich habe eine historische Serie im Rapid-Magazin gestaltet und für die Rathaus-Gala Texte geschrieben. Und beim Vorverkauf für die Europa League habe ich auch im Klubservice mitgeholfen.

Pichlers Taten für die Aufarbeitung der Rapid-Historie ist aber noch lange nicht vollständig aufgezählt. In den Veröffentlichungs-Startlöchern steht zum Beispiel ein Buch zur Derby-Geschichte Rapids und der Austria, an dem der Tausendsassa mitgeschrieben hat. Damit hat es sich aber immer noch nicht!

GP: Bald wird auch das Buch erscheinen, das sich mit der Rolle Rapids im Zweiten Weltkrieg beschäftigt. Ich habe auch daran mitgearbeitet. Ohne etwas verraten zu wollen – dabei handelt es sich um ein irrsinnig spannendes Feld! Der Kontext Rapids zur jeweiligen Zeit ist etwas, das mich immens interessiert. Es ist jedenfalls versucht worden, auf der Basis von Fakten ein möglichst schlüssiges Bild zu zeichnen. Das Buch ist bereits gedruckt und wird bald erscheinen.

Bei derart vielen Nebenbeschäftigungen stellt sich zu Recht die Frage, ob den beiden Rapidarchivlern noch Zeit für Hobbies bleibt.

HP: Aber ja! Ich interessiere mich für Film, Musik und Reisen.
GP: Mir taugen auch andere Sportarten. Aber gerade bei den amerikanischen Profiligen habe ich das Gefühl, dass man es mit der Statistik auch übertreiben kann.
HP: Dort ist es ja so aufgeblasen, dass es bei jedem Spiel zwangsläufig zu einem Rekord kommen muss! Ich steh‘ auf American Football, habe mir aber schon oft gedacht, dass es jetzt zuviel wird.
GP: Für mich haben beim Fußball nicht einmal die Werte Ballbesitz und gewonnene Zweikämpfe eine sonderlich große Aussagekraft. Ich halte mich lieber an die wichtigen und unumstößlichen Fakten: Wer hat gegen wen gespielt? Wieviele Tore sind gefallen? Wer hat sie geschossen.

Apropos! Spieler werden dann ins Archiv aufgenommen, wenn sie zumindest ein Pflichtspiel für Rapid absolviert haben. Ein Härtefall ist Geir Frigard. Der norwegische Stürmer wurde von Rapid 1995 getestet und im Supercup gegen Austria Salzburg eingesetzt. Rapid verzichtete auf Frigards Dienste und er ging zu Lillestrøm zurück. 1997/98 wurde er für den LASK Torschützenkönig. Gerald: „Wir haben ihn genauso ignoriert, wie Rapid! (lacht) Aber ehrlich: Der Supercup ist für uns kein wirkliches Pflichtspiel und er stand auch nie bei Rapid unter Vertrag.“
Aus dem privaten Umfeld der beiden Maniacs kommt keine Kritik an ihrer möglichst exakten Beschäftigung mit der grünweißen Zahlenlehre.

HP: Im Gegenteil. In meiner Familie herrschen Freude und Anerkennung vor! Kritik gibt es gar nicht.
GP: Dem kann ich mich nur anschließen. Meine Freundin nimmt sogar die Rapid-Spiele auf und brennt sie mir auf DVD. Ich kann mich nicht beschweren. Ganz allgemein kann ich zu meiner Beschäftigung im Rapidarchiv sagen: Es ist doch schön, wenn man die Zeit sinnvoll nützen kann. Ein Begriff wie Langeweile ist mir fremd!

Wen wundert es!? Gerald Pichler und Herbert Pawlek haben ihr Rapidarchiv-Baby mit viel Liebe und Sorgfalt großgezogen. Die prächtige Entwicklung des Projekts kann durchaus mit jener von Rapid selbst verglichen werden. Denn beim SCR war noch vor gar nicht allzu langer Zeit keine Rede von den Erfolgen der inzwischen rosigen Gegenwart.

HP: Ich kann mich noch erinnern, dass bei den ersten Mitglieder-Versammlungen in der Aula des Hanappi-Stadions knapp hundert Menschen versammelt waren. Zuerst wurde kurz vorgetragen, und danach „durften“ wir uns wieder vertschüssen. (lacht)

So ändern sich glücklicherweise die Zeiten!
Dass sich das grünweiß gefärbte Leben von Gerald und Herbert nicht nur vor Computer-Bildschirmen abspielt, wurde bereits ausführlich angesprochen. Im Stadion sind sie normale Mitglieder des familiären Großverbands SCR. Abseits davon erheben sie sich aber mit ihrem fantastischen Rapidarchiv zu Häuptlingen des Hütteldorfer Stammes, beleben sie mit ihren gesammelten Statistik-Weisheiten das Leben des Rapid-Volkes.
Wie bereits gesagt: Ich selbst bin tagtäglich Gast in der virtuellen Wunderwelt von Gerald Pichler und Herbert Pawlek. Ohne die Arbeit der zwei Pioniere wäre ich oft aufgeschmissen, würde manche Idee am zu hohen Arbeitsaufwand scheitern. Und so gesehen steht unter fast jedem meiner Beiträge ein unsichtbares „Danke an das Rapidarchiv!“ Großartig, dass ihr dieses Mammut-Projekt stemmt!

(grela)

P.S.: Wer die Arbeit des wichtigsten PP’s in Hütteldorf (Pawlek/Pichler ) mitverfolgen will, kann das via facebook-Auftritt tun oder direkt auf www.rapidarchiv.at gehen. Es zahlt sich aus!!!


THEMA


Rund um Rapid und den Fußball im Allgemeinen gibt es eine riesige Menge an brandaktuellen und zeitlosen Themen, die in der wöchentlichen Topstory aufgearbeitet und präsentiert werden. Um den Geschmack meiner Leserschaft besser treffen zu können, bitte ich um Vorschläge und Hinweise, die mir die Auswahl der „richtigen“ Sujets erleichtern. Ich hoffe darauf, dass diese Geschichten ein paar dunkle Stellen aufhellen können.
(grela)

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Das doppelte Dutzend ist voll

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RAPID & ICH

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